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Der Sog des Stillstands: Jon Fosses „Vaim‟
Jon Fosses erster Roman nach dem Nobelpreis, „Vaim‟ ist weniger eine Erzählung als vielmehr ein literarisches Experiment am Rande des erzählerischen Vakuums. Wer hier nach Handlung sucht, sucht vergebens. Es passiert, auf den ersten Blick, schlichtweg nichts. Keine Geschichte im klassischen Sinne, kein Plot, der vorantreibt, und auch die Charaktere entziehen sich beharrlich jeder greifbaren Entwicklung oder psychologischen Tiefe. Das eigentlich Fesselnde – oder Verstörende – an diesem Werk ist sein radikaler Stil.
Der Roman gliedert sich in drei Monologe, drei unaufhaltsame Gedankenströme von Figuren, die lose und doch schicksalhaft miteinander verwoben sind: Da ist Jatgeir, dessen heimliche Liebe Eline ihn anfleht, sie aus einer zerfallenden Ehe zu erlösen; daneben die Stimmen von Elias und Olav. Fosse zwingt uns direkt in ihre Köpfe, indem er auf beinahe jegliche Interpunktion verzichtet. Einzig das Komma dient als brüchiger Anker in einem endlosen Satzfluss, der die repetitiven, kreisenden Bewegungen des Denkens selbst imitiert. Obsessionen, so banal sie auch sein mögen, kehren in litaneiartiger Wiederholung zurück, durchbrochen von Momenten absurder Komik, die aus der Banalität des inneren Monologs erwächst.
Die Figuren selbst bleiben schemenhaft, geistergleiche Existenzen auf der Suche nach Zugehörigkeit in einer seltsam vertrauten und doch entfremdeten Welt. Sie spielen mit Identitäten, spiegeln sich ineinander, bis die Grenzen verschwimmen. In einem schwindelerregenden Kreislauf, dem man sich als Leser kaum entziehen kann, identifizieren sie sich sogar mit leblosen Objekten wie Schiffen. Ihre Reise ist keine der Hoffnung; es ist eine Chronik des Scheiterns, des Zerplatzens von Illusionen, ein Verlorengehen im Labyrinth des eigenen Bewusstseins.
Fosse entfaltet seine Geschichte – oder deren Abwesenheit – durch die kubistische Brechung der Perspektiven. Wie in einem Gemälde von Picasso werden Fragmente aus verschiedenen Blickwinkeln gezeigt, doch das Gesamtbild muss der Leser selbst zusammensetzen. Ob es sich ihm jedoch erschließt oder für immer verschlossen bleibt, lässt der Autor bewusst offen.
Das eigentliche Paradox von „Vaim‟ liegt in seiner emotionalen Distanz. Obwohl wir permanent im Innersten der Charaktere verweilen, bleibt eine unüberwindbare Kälte. Man beobachtet ihre Gedanken, aber man fühlt sie nicht. Eine Identifikation, ein emphatisches Mitschweben mit diesen seelischen Solisten wird dem Leser konsequent verwehrt.
Wer von einem Roman eine stringente Handlung und die Entwicklung seiner Figuren erwartet, wird von Fosse brüskiert und sollte zu einem anderen Werk greifen. Wer jedoch bereit ist, sich auf ein formales Wagnis einzulassen und die Grenzen des Erzählbaren zu erkunden, findet in diesem Werk ein ebenso faszinierendes wie frustrierendes Stück Literatur. Am Ende aber bleibt die fundamentale Frage, die gute wie auch hermetische Kunst stets provoziert: Für wen wird hier geschrieben? Nach der Lektüre von „Vaim‟ stellt sie sich mit neuer, unabweisbarer Dringlichkeit.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 3. Februar 2026