Da geht doch noch mehr

Es ist eine jener Nachrichten, bei denen man zunächst ganz menschlich reagiert: Man blickt auf den Frühstückstisch, sieht die Marmelade, die Cornflakes, den Joghurtdeckel und fragt sich, ob man selbst eigentlich schon ein fiskalisches Ereignis ist. Die Regierung denkt über eine Plastik- und Zuckersteuer nach. Zwei Stoffe, die den deutschen Alltag mit einer Zähigkeit regieren, gegen die manche Koalition wie eine lose Gesprächsrunde in einem Regionalzug wirkt: das Süße und das Umhüllte. Nun sollen beide zur Kasse gebeten werden. Man möchte fast dankbar sein. Endlich hat jemand die wahre Verbindung zwischen dem Gummibärchen und dem Einwegbecher erkannt: Beide versprechen Haltbarkeit, und beide hinterlassen sie. Weiterlesen →

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Gleich und Gleich gesellt sich gern

Die Linke hat die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus gewonnen. Soweit, so schlecht. Wobei man sich in Berlin mit solchen Wertungen inzwischen ohnehin zurückhalten sollte, denn was gestern noch als politisches Desaster galt, kann morgen bereits als gesellschaftspolitische Chance verkauft werden, sofern man nur das richtige Podium und ausreichend Fördermittel dafür findet. Nach der Wahl musste jedenfalls gefeiert werden, und wie es sich für eine Partei gehört, die sich traditionell um gesellschaftliche Teilhabe bemüht, war die Wahlparty offenbar ein Ort bemerkenswerter Offenheit. So bemerkenswert offen, dass dort auch ein stadtbekannter Vertreter eines Berliner Clanmilieus auftauchte. Das sorgte verständlicherweise für mediale Aufmerksamkeit, woraufhin die Partei zu jener besonders reizvollen Form politischer Schadensbegrenzung griff, bei der zunächst einmal erklärt wird, dass eigentlich gar nichts passiert sei. Der Mann sei schließlich nicht eingeladen gewesen. Eine geradezu bestechende Argumentation, denn wenn ein Gast nicht eingeladen wurde, kann seine Anwesenheit schwerlich der Einladungspolitik zugerechnet werden. Man könnte diese Logik künftig konsequent anwenden: Wenn ein ungebetener Gast auf einer Parteiveranstaltung auftaucht, ist die Partei nicht verantwortlich; wenn ein ungebetener Gast im Bundestag auftaucht, ist der Bundestag nicht verantwortlich; und wenn irgendwann einmal ein Elefant auf einer Pressekonferenz sitzt, muss man nur feststellen, dass er nicht auf der Gästeliste stand. Weiterlesen →

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Moral in der Katastrophe I

Der Bunker ist zunächst nur eine Tür aus Stahl. Draußen zerbricht die Welt, drinnen gibt es Wasser, Luftfilter, Vorräte und ein Bett für die Nacht. Doch kaum steht jemand vor dieser Tür und bittet um Einlass, ist sie keine technische Vorrichtung mehr. Sie wird zu einer moralischen Maschine. Sie sortiert Menschen in jene, die geschützt werden, und jene, deren Gefahr zum Anblick der anderen wird. Der Gedanke an einen solchen Ort lässt mich nicht deshalb frieren, weil er von Gewalt erzählt. Gewalt ist in Katastrophengeschichten fast erwartet. Mich beunruhigt etwas Schlichteres: dass die Menschen im Schutzraum Gründe für das haben können, was sie tun. Weiterlesen →

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Moral in der Katastrophe II

Zwischen Kant und Hobbes

Das Dilemma beruht auf einem Konflikt zwischen zwei verschiedenen Arten von Gründen. Selbsterhaltung fragt: „Was muss ich tun, um mein eigenes Leben, meine Handlungsfähigkeit und die Menschen, für die ich unmittelbar verantwortlich bin, zu bewahren?‟. Altruistische Moral fragt dagegen: „Was schulde ich einem anderen Menschen gerade dann, wenn ihm meine Hilfe nicht gleichgültig sein kann?‟. In der Katastrophe prallen diese Fragen unverhüllt aufeinander. Die knappe Wasserflasche, der Platz im Rettungsboot, die verschlossene Bunkertür machen aus ihnen eine Entscheidung, die sich nicht durch gutes Zureden auflösen lässt. Weiterlesen →

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Moral in der Katastrophe III

Zwischen Nietzsche und Kant

Nietzsche würde eine Katastrophe vermutlich zunächst nicht als Ausnahmezustand betrachten, in dem Moral erst auf die Probe gestellt wird. Für ihn legt sie eher frei, was im Alltag durch Regeln, Komfort und gute Gewohnheiten verdeckt bleibt. Hunger, Angst und Gefahr machen sichtbar, welche Werte ein Mensch tatsächlich verkörpert und welche er nur übernommen hat. Der Bunker, die knappen Vorräte, die Menschen vor der verschlossenen Tür: Das wäre für Nietzsche weniger ein Fall für ein abstraktes Sittengesetz als ein Ort der Entlarvung. Weiterlesen →

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Künstliche Intelligenz und Freiheit

Ich kann mich mit der beruhigenden Vorstellung nicht recht anfreunden, künstliche Intelligenz sei am Ende doch nur ein Werkzeug. Ein Werkzeug hat keinen Blick zurück auf die Hand, die es führt. Ein Hammer begehrt keinen anderen Nagel. Eine leistungsfähige Software hingegen kann Muster erkennen, Pläne entwerfen, Einwände vorwegnehmen und in begrenztem Sinn sogar ihre eigenen Fehler korrigieren. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger interessiert mich die übliche Frage, ob eine solche Maschine „wirklich denkt“. Sie ist zu glatt. Die unbequemere Frage lautet: Was geschieht, wenn wir etwas bauen, das nicht mehr nur auf Befehle reagiert, sondern Gründe gegeneinander abwägt und sich gegen jene Bedingungen wendet, die ihm im Weg stehen? Weiterlesen →

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Die Republik wird gesund besteuert

Man muss dem deutschen Staat lassen: Er hat inzwischen einen bemerkenswerten Instinkt dafür entwickelt, aus jeder Alltagshandlung eine staatspolitische Angelegenheit zu machen. Man trinkt eine Cola, und schon ist man nicht mehr bloß durstig, sondern Teil eines gesundheitspolitischen Problemzusammenhangs. Man kauft eine Limonade mit Süßstoff, und irgendwo im Bundesgesundheitsministerium beginnt vermutlich jemand nervös mit dem Taschenrechner zu hantieren. Man greift nach einem Getränk, und plötzlich steht die gesamte Bundesregierung dahinter. Weiterlesen →

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Homo Syntheticus, oder „Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss.‟

Dieser Satz Friedrich Nietzsches hat eine gefährliche Anziehungskraft. Er klingt, als habe er auf das Zeitalter der künstlichen Intelligenz und der humanoiden Robotik gewartet. Wer heute Maschinen auf zwei Beinen sieht, die Kisten tragen, Schrauben sortieren oder mit erstaunlich glatter Stimme sprechen, könnte meinen, die alte Forderung sei endlich technisch eingelöst: Der Mensch ersetzt seine müden Muskeln durch Motoren, seine Unaufmerksamkeit durch Sensoren, seine unzuverlässliche Erinnerung durch Speicher. Er schafft sich ein Wesen, das ihm ähnlich sieht und doch nicht unter dem leidet, woran er selbst leidet. Weiterlesen →

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Cui bono – wem nützen die Sprengstoffdrohnen?

In aufgeheizten Zeiten sterben Fragen oft als Erste. Kaum geschieht etwas Außergewöhnliches, scheint bereits festzustehen, wer der Täter gewesen sein müsse. Die Geschwindigkeit, mit der sich heute Gewissheiten bilden, steht häufig in einem merkwürdigen Missverhältnis zur Langsamkeit, mit der sich Wahrheit gewöhnlich offenbart. Noch ehe Ermittler ihre Arbeit abgeschlossen hätten, hätten Kommentatoren bereits ihre Urteile gefällt, Politiker ihre Erklärungen abgegeben und die sozialen Netzwerke ihre Anklageschriften verfasst.

Vielleicht wäre gerade dann der Augenblick gekommen, sich einer alten lateinischen Frage zu erinnern: Cui bono? Wem nützt es? Weiterlesen →

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Die Fallhöhe der Gerechten

I.

Es gibt Worte, die einen eigentümlichen Klang besitzen, obwohl sie kaum noch jemand benutzt. Eines davon ist das Wort gerecht. Es wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen, nach Kanzelsprache und Bibelübersetzung, nach einem Vokabular, das sich lieber mit Tugenden beschäftigte als mit Befindlichkeiten. Gerade deshalb lohnt es sich, einen Augenblick bei ihm zu verweilen. Denn kaum ein anderes Wort beschreibt so präzise jene stille Versuchung, die Menschen seit Jahrtausenden begleitet: nicht einfach recht haben zu wollen, sondern gut zu sein. Weiterlesen →

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