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Man ahnt es beim Titel, und man hofft zunächst noch, sich zu irren: Ein Dorf, das zu schön zum Sterben ist, hat selbstverständlich Tote. Das ist das Gesetz des Genres, das seine Idyllen nur errichtet, um sie mit gutem Gewissen zu beschädigen, so wie man ein frisch gefegtes Trottoir nur anlegt, damit jemand darauf stolpern kann. Sean Carter verlegt das Spiel an die neuseeländische Küste, was den Vorzug hat, dass die Landschaft ohne weiteres Zutun fotogen ist, und den Nachteil, dass sie das einzige bleibt, was im Buch nicht bemüht werden muss.
Das Personal ist üppig bestellt. Chinesische Schmuggler treiben vor der Küste ihr Unwesen, an der einzigen Tankstelle des Ortes steckt ein langes Messer, ein Krankenhausclown in panischer Flucht vor der Polizei, und eine Unbekannte, von der Klippe gestürzt, liegt im Koma, womit sie von allen Beteiligten die vernünftigste Haltung gegenüber der Handlung einnimmt. Man hat den Eindruck, der Autor habe sein Figurenkabinett nach dem Prinzip des gut sortierten Gemischtwarenladens zusammengestellt: von allem etwas, nichts davon zu Ende gedacht.
Und dann kommt er, der Retter. Ein Detective aus Auckland, im Kurzurlaub, den sein Vorgesetzter auf den Fall ansetzt, wie man einen Urlauber eben auf den Fall ansetzt: ohne Rücksicht auf Erholung, dafür mit umso größerem Vertrauen in die Erzählökonomie. Im Dorf nennt man ihn „JAFA“, „just another fucking Aucklander“, und man würde dem Buch gern bescheinigen, hier beginne eine feine Studie über Provinz und Metropole, über das Misstrauen des Dorfes gegen den Zugereisten. Doch das Etikett bleibt, was es ist: ein Spitzname, der sich als Schimpfwort tarnt und sich als Ehrentitel entpuppt. Spätestens nach den ersten Kapiteln liebt ihn ohnehin das ganze Dorf.
Denn dieser JAFA ist, bis auf eine Schwäche, ein Wunder. Er ruiniert sich die teuren Schuhe, und das ist der einzige Makel, den Carter ihm gönnt, ein Fehler, den man in der Literatur der Unfehlbaren gern als Menschlichkeit ausgibt. Im Übrigen schindet er sich freiwillig im Weinberg, kreiert im einzigen Restaurant des Ortes den besten Nachtisch aller Zeiten (ein Superlativ, den man dem Koch glauben muss, weil man ihn nicht prüfen kann) und, wenn auch mit schlechtem Gewissen, benutzt seine Ähnlichkeit mit einem Hollywoodstar für seine Ermittlungen. Man fragt sich, was dieser Mann in seiner Freizeit tut, wenn er Urlaub hat. Vermutlich die Welt retten.
Hier liegt, wenn man so will, das eigentliche Rätsel des Romans, und es ist keines, das der Kriminalfall aufgibt. Wie kommt es, dass wir uns Verbrechen so gern in Landschaften wünschen, in denen niemand Verbrechen für möglich hält? Der Wohlfühlkrimi, das ZDF am Sonntagabend in Buchform, lebt von dieser Versöhnungsgeste: Man darf ein bisschen schaudern, aber nur, damit das Ende umso wärmer ausfällt. Der Tod ist dann kein Skandal mehr, sondern Gewürz. Bei Carter ist die Mischung so milde, dass man sich fragt, ob sie überhaupt noch Geschmack hat.
Und als wäre das nicht genug, droht eine Fortsetzung. JAFA rekrutiert am Ende die beiden Dorfpolizisten für die Großstadt, womit die Idylle ihrer besten Kräfte beraubt und das Personal für den nächsten Band bereits in Stellung gebracht ist. Man liest das und möchte rufen, was der Rezensent sich am Ende wohl nur noch zu seufzen traut: Himmel hilf!
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 24. Oktober 2026