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Ertrunken im Klischee
Ein surfender Privatdetektiv unter tropischer Sonne – unweigerlich weckt diese Prämisse Erinnerungen an Don Winslows Boone Daniels, den sympathischen Ermittler aus Kalifornien. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten auch schon. In Daniel Faßbenders Roman „Heaven's Gate" begegnen wir Caruso, einem Mann, der auf der philippinischen Insel Surogao zwar gelegentlich surft, vor allem aber trinkt. Und noch mehr trinkt.
Die Ausgangslage bedient sich großzügig aus dem klassischen Noir-Baukasten: Eines Tages taucht eine schöne, wohlhabende Spanierin auf, die ihren Sohn vermisst und den abgehalfterten Detektiv mit der Suche beauftragt. Parallel dazu wird ein zweiter Handlungsstrang um Dietmar „Diego" Miehle etabliert, einen Deutschen, der nach einer langen Haftstrafe wegen Drogenhandels und diverser anderer krimineller Verfehlungen wieder auf freiem Fuß ist. Als sich herausstellt, dass er der Vater des Vermissten ist, kontaktiert Caruso ihn. Diego fliegt nach Asien, und die beiden ungleichen Männer machen sich gemeinsam auf die Suche.
Was ein durchaus solider – wenn auch nicht sonderlich origineller – Plot hätte werden können, versinkt trotz erkennbar guter Absichten des Autors rasch im Dauersuff seines Protagonisten. Carusos Ermittlungen ziehen eine Spur der Verwüstung nach sich, die nicht zuletzt einige Kollateralschäden in Form von Leichen guter Freunde hinterlässt.
Das größte Manko des Romans liegt jedoch in seiner Figurenzeichnung. Die Charaktere bleiben über weite Strecken distanziert und blass; eine echte Tiefe oder psychologische Entwicklung sucht man vergebens. Besonders Caruso selbst wirkt weniger wie ein Mensch aus Fleisch und Blut denn als eine bloße Ansammlung abgegriffener Krimi-Klischees: der trinkende Einzelgänger, innerlich zerrissen und stets von Frauen umgeben. Statt einer komplexen, gebrochenen Figur bekommt der Leser ein oft kopiertes Profil präsentiert, das keinerlei Überraschungen bereithält. Auch Diego verharrt in der Rolle des Abziehbilds eines hartgesottenen Verbrechers, der seine besten Tage längst hinter sich hat. Besonders ärgerlich gerät zudem der Auftritt einer Gruppe weiblicher Umweltschützerinnen, die gegen die lokale Korruption und Naturzerstörung demonstrieren wollen und dabei kaum über karikaturhafte Züge hinauskommen.
Am Ende bleibt ein Roman, der viel Korruption, noch mehr Alkohol und ein undurchdringliches Dickicht bietet, an dessen Ende keine Gerechtigkeit wartet, sondern lediglich Verzweiflung. „Heaven's Gate" verschenkt sein Potenzial an ausgetretene Pfade. Es bleibt zu hoffen, dass eine mögliche Fortsetzung nicht nur erzählerisch stringenter ausfällt, sondern dem Protagonisten auch häufiger Momente der Nüchternheit zugesteht.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 18. Mai 2026