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Buchkritik -- Ingar Johnsrud -- Blendfeuer

Umschlagfoto, Buchkritik, Ingar Johnsrud, Blendfeuer, InKulturA Im Schatten der Macht, Ingar Johnsruds „Blendfeuer“

Es gibt Thriller, die Spannung erzeugen, und es gibt jene, die ein Klima erschaffen. Eine Atmosphäre permanenter Unruhe, in der Macht nicht verwaltet, sondern strategisch eingesetzt wird, Loyalitäten jederzeit brüchig werden und Politik ihre zivile Oberfläche verliert. Ingar Johnsrud beherrscht diese Form des Erzählens mit bemerkenswerter Präzision. „Blendfeuer‟ ist kein Roman, der den Leser behutsam in seine Welt führt; er stößt ihn mitten hinein, in ein Szenario aus Intrigen, geopolitischen Interessen und jener eigentümlichen Kälte, die entsteht, wenn politische Entscheidungen nicht mehr von Überzeugungen, sondern von Kalkül bestimmt werden.

Schon früh liegt über diesem Roman der Geruch verbrannter Erde. Nicht metaphorisch allein, sondern als Vorahnung einer Erzählung, in der jede Bewegung neue Konfliktlinien freilegt. Wie Zahnräder eines präzise konstruierten Mechanismus greifen hier Machtkämpfe, persönliche Ambitionen und globale Interessen ineinander. Johnsrud schreibt nicht bloß einen Politthriller, er entwirft ein System der Eskalation.

Erneut tritt Jens Meidell ins Zentrum der Ereignisse: ehrgeiziger Polizeijurist, politischer Aufsteiger, frisch ernannter Justizminister und Kandidat für höhere Aufgaben innerhalb der Arbeiterpartei. Doch wie so oft in politischen Romanen sind Karrieren selten das Ergebnis moralischer Integrität. Auch Meidell gehört zu jenen Figuren, deren öffentliche Fassade nur mühsam die Schatten der Vergangenheit verdeckt. Johnsrud zeichnet ihn nicht als klassischen Helden, sondern als Produkt eines politischen Betriebs, in dem Schuld weniger verhindert als verwaltet wird.

Parallel dazu beginnt die eigentliche tektonische Verschiebung des Romans: Über der Ostsee stürzt eine Hercules-Transportmaschine ab. Acht ukrainische Soldaten, drei norwegische Besatzungsmitglieder, und sehr schnell die Erkenntnis, dass dieser Absturz kein Unglück war. Eine Bombe an Bord. Ein Anschlag. Ein Ereignis, das weit über nationale Grenzen hinausweist.

Besonders wirkungsvoll ist dabei die zeitliche Setzung: Der 17. Mai, Norwegens Nationalfeiertag, ein Tag kollektiver Selbstvergewisserung, öffentlicher Gemeinschaft und nationaler Symbolik. Während oben Fahnen geschwenkt werden, verlagert sich unterhalb der Oberfläche eine andere Realität: eine Jagd auf einen mutmaßlichen Terroristen, die in einer Tiefgarage endet, einem Ort, der bei Johnsrud beinahe zur Chiffre wird. Denn dort geschieht etwas, das die vertraute Ordnung endgültig destabilisiert: Der Verdächtige wird vor den Augen der Ermittler Martin und Liselott exekutiert, nicht durch staatliche Akteure, sondern durch eine Gruppe, deren Auftreten mehr Fragen aufwirft, als Antworten liefert. Als kurz darauf Geheimdienstmitarbeiter erscheinen und die Ermittler vom Tatort verdrängen, wird klar, dass hier Kräfte am Werk sind, die sich längst den üblichen Machtstrukturen entzogen haben.

„Blendfeuer“ lebt von dieser fortschreitenden Erosion von Gewissheiten. Der Roman operiert nicht mit einfachen Fronten oder klaren Feindbildern. Vielmehr entwickelt Johnsrud eine Welt, in der politische Interessen, Sicherheitsapparate und geopolitische Strategien ein Geflecht bilden, dessen Regeln den handelnden Figuren selbst zunehmend entgleiten.

Gerade darin liegt die eigentliche Qualität des Romans: in seiner beängstigenden Plausibilität. Norwegen erscheint hier nicht als souveränes Zentrum der Ereignisse, sondern als Rädchen innerhalb eines globalen Machtspiels. Nationale Grenzen verlieren ihre Bedeutung, wenn Entscheidungen andernorts getroffen werden und Staaten zu Spielfiguren größerer Interessen werden.

Johnsrud versteht es meisterhaft, diese politischen Dimensionen mit den Mechanismen des Thrillers zu verbinden. Die Geiselbefreiung, die taktischen Operationen, die rasante Dynamik, all das sorgt für Tempo. Doch unter der Oberfläche arbeitet ein anderer Roman: einer über Macht, Manipulation und die Illusion politischer Kontrolle.

So wird „Blendfeuer“ zu weit mehr als einem effektvollen Pageturner. Es ist ein Thriller über eine Welt, in der die eigentliche Gefahr nicht im sichtbaren Gegner liegt, sondern in den Strukturen, die längst im Verborgenen operieren.

Und genau das macht ihn so beunruhigend.




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Veröffentlicht am 19. Mai 2026